Die Schwerelosigkeit – normalerweise ein Privileg von Astronauten und milliardenschweren Raumfahrtprogrammen – wird an der Hochschule Mittweida zum greifbaren Forschungsfeld. In zwei spektakulären Missionen im September 2024 und Oktober 2025 waren Wissenschaftler und Studierende der Hochschule an Parabelflügen beteiligt, um künstliche Intelligenz unter extremen Bedingungen zu testen und die Grenzen der irdischen Forschung zu überschreiten.
Bei der ersten Beteiligung im September 2024 prüften die Mittweidaer Wissenschaftler, ob ihre KI in Echtzeit Daten eines Experiments von Kolleg:innen der Universität Greifswald verarbeiten kann, um der Besatzung wertvolle Informationen zu liefern. Professor Florian Zaussingers Team der Mittweidaer Fakultät Angewandte Computer- und Biowissenschaften entwickelte dafür ein innovatives Experimentiersystem, das den extremen G-Kräften und der anschließenden Schwerelosigkeit standhält. Dieses Articial-Intelligence-Demonstrator-Experiment verfolgt ein klares Ziel: Routinen zu entwickeln, die große Datenmengen so verarbeiten und komprimieren, dass sie in Echtzeit von der ISS zur Erde übertragen werden können.
Die 31 mal 22 Sekunden Schwerelosigkeit sind die intensivsten Forschungsminuten, die man sich vorstellen kann. Jede Bewegung muss sitzen, das Adrenalin ist konstant hoch, die Schwerelosigkeit überwältigend.
Prof. Dr. habil. Florian Zaussinger
Aufbauend auf den Erfolgen der ersten Kampagne folgte im Oktober 2025 die zweite Mission. Diesmal bewies das Team seine Expertise in Strukturerkennung und Datenanalyse: Erstmals konnten die komplexen Strukturen des COMPACT-Experiments in Echtzeit erfasst werden.
Das Greifswalder COMPACT-Experiment soll am Ende auf der internationalen Raumstation ISS durchgeführt werden. Weil die Kosten für Experimente im Weltraum extrem hoch sind, nutzen Weltraumforschende speziell umgebaute Flüge. Die deutsche Raumfahrtagentur DLR betreibt dafür einen umgebauten A310, der in Wurfparabeln fliegt, die jeweils rund 22 Sekunden Schwerelosigkeit bieten – den Zustand, der sonst nur im Orbit herrscht.
Parabelflüge haben zwar eine lange Tradition in der Vorbereitung von Astronauten und der Erprobung von Weltraumtechnik. Die Mittweidaer Kampagnen sind aber ein echter Meilenstein in der angewandten Forschung: Es war der erste Test einer künstlichen Intelligenz aus Sachsen in einem physikalischen Experiment unter Mikrogravitation. Die gewonnenen Daten beider Missionen bilden die Grundlage für neue Publikationen und Experimente, die vielleicht schon bald auf der ISS zum Einsatz kommen. Künftig sind weitere Parabelflüge geplant – unter anderem mit der BTU Cottbus-Senftenberg, um zu erforschen, wie die Wärmeübertragung in Flüssigkeiten und Gasen im All durch Schwerelosigkeit beeinflusst wird.
“Angewandte Mathematik für interdisziplinäre Studiengänge” heißt das Berufungsgebiet von Professor Florian Zaussinger. Neben Lehraufgaben in den Studiengängen Applied Mathematics und Applied Mathematics for Networks and Data widmet er sich der Erforschung des Weltraums: Mikrogravitationsforschung und Astrophysik sind seine Steckenpferde. Seit jeher in Verbindung mit Statistik und Datenanalyse sowie Mustererkennung und maschinellem Lernen – kurz: künstlicher Intelligenz.
Das AID-Projekt wird seit 2021 gefördert vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt und soll 2026 abgeschlossen werden.