Teilprojekt Systeme zur intuitiven Nutzung von Robotern in der Fertigung
Das Projekt PerspektiveArbeit Lausitz (PAL) ist ein Kompetenzzentrum für die Arbeit der Zukunft in Sachsen und Brandenburg. Ziel ist es, innovative Technologien und datenbasierte Assistenzsysteme so zu gestalten, dass sie menschengerecht, wirtschaftlich und praxisnah in Unternehmen eingesetzt werden können. Im Fokus stehen insbesondere kleine und mittlere Unternehmen (KMU), die vor Herausforderungen wie Fachkräftemangel, steigenden Qualitätsanforderungen und wachsender Komplexität in der Produktion stehen.
Ein zentraler Ansatz von PAL ist die enge Verzahnung von Forschung und Praxis. Gemeinsam mit Unternehmen werden Lösungen entwickelt, erprobt und anschließend über Demonstrationszentren, Workshops und Leitfäden für andere Unternehmen zugänglich gemacht.
Schwerpunktprojekt 3: Systeme zur intuitiven Nutzung von Robotern in der Fertigung
Ein wichtiger Baustein von PAL ist das Schwerpunktprojekt 3, das sich Fragestellungen zur einfachen und intuitiven Nutzung von Robotertechnologien in der Fertigung beschäftigt.
Ausgangssituation und Zielstellung
Viele Unternehmen, insbesondere im Mittelstand, stehen vor der Herausforderung, dass Automatisierung oft als komplex, teuer und schwer umsetzbar wahrgenommen wird. Gleichzeitig führen manuelle Tätigkeiten wie Schweißen oder Entgraten häufig zu hoher Belastung und schwankender Qualität.
Das Schwerpunktprojekt 3 setzt genau hier an und verfolgt das Ziel,
- intuitive Bedienkonzepte für Roboter zu entwickeln,
- Einstiegshürden zu senken und
- menschzentrierte Automatisierungslösungen für die Fertigung zu schaffen.
Lösungsansatz: Intuitive Robotik
Im Projekt werden insbesondere kollaborierende Roboter (Cobots) eingesetzt, die sich durch ihre einfache Bedienbarkeit und Flexibilität auszeichnen. Statt komplexer Programmierung steht das „Learning by Doing“ im Vordergrund: Produktionsmitarbeitende können Roboter direkt durch Teach‑Verfahren einlernen und Programme anpassen (s. Abb. 1).
Die Untersuchung erfolgt anhand realer Fertigungsprozesse – insbesondere
- automatisiertes Schweißen von Kleinserien und
- robotergestütztes Entgraten.
Ergebnisse und Erkenntnisse
Die im Projekt gewonnenen Ergebnisse zeigen deutlich, dass intuitive Robotik einen hohen Nutzen für Unternehmen bietet:
Produktivität und Qualität
- Reduzierung der Prozesszeiten bei gleichzeitig stabiler Ausbringung
- Reproduzierbare und gleichbleibende Qualität, insbesondere durch automatisierte Bewegungsabläufe
- Verbesserte Prozesssicherheit bei repetitiven Aufgaben
Neue Möglichkeiten
- Automatisierung wird auch bei kleinen Stückzahlen wirtschaftlich sinnvoll
- Flexible Anpassung an wechselnde Bauteile
Arbeitswissenschaftliche Perspektive
Ein zentrales Ergebnis ist die Veränderung der Arbeitstätigkeiten:
- Neue Rollen entstehen, z. B. Einrichter und Bediener (s. Abb. 2)
- Tätigkeiten verlagern sich von körperlicher Arbeit hin zu steuernden und überwachenden Aufgaben
- Die körperliche und monotone Belastung sinkt, während kognitive Anforderungen steigen
Dabei zeigt sich klar:
Roboter ersetzen den Menschen nicht, sondern unterstützen ihn gezielt.
Transfer in die Praxis
Die Ergebnisse des Praxisprojekts werden aktiv in die Breite getragen, z. B. durch:
- Living Labs als Demonstrationszentren
- praxisorientierte Leitfäden
- Workshops und Veranstaltungen direkt bei Unternehmen
Diese Formate ermöglichen es Unternehmen, Technologien niedrigschwellig kennenzulernen, Vorbehalte abzubauen und fundierte Entscheidungen für eigene Transformationsprozesse zu treffen.
Vorgehen zur Überführung manueller Schweißprozesse
Zusammen mit dem Projektpartner Caleg Schrank- und Gehäusebau GmbH wurde ein Demonstratorbauteil aus DC01 (2 mm Blechdicke) entwickelt und gefertigt (s. Abb. 3a). Dieses Bauteil enthält sowohl gerade als auch gewölbte Konturen und die Abmessungen betragen 467 x 458 x 199 mm.
Es wurde eine Vorgehensweise zur Automatisierung dieser Schweißbaugruppe erarbeitet (s. Abb. 4). Zunächst wird die Ist-Situation am Bauteil analysiert und Toleranzen aufgenommen. Danach wird das Bauteil auf eine automationsgerechte Konstruktion überprüft und eine geeignete Einspannvorrichtung gefertigt (s. Abb. 3b und 3c). Die Einspannvorrichtung basiert auf dem Prinzip der „festen Ecke“ und setzt sich aus verschiedenen Spann- und Anschlagelementen zusammen. In Vorversuchen werden die optimalen Schweißparameter erarbeitet. Zum Schluss werden die Bauteile automatisiert geschweißt, die Schweißnähte mittels zerstörungsfreier und zerstörender Prüfverfahren ausgewertet sowie eine Wirtschaftlichkeitsbetrachtung durchfegührt.
Praxisrelevante Erkenntnisse am Demonstratorbauteil
1. Einfluss von Bauteiltoleranzen und Spaltmaßen
- Spaltmaß ist der dominante Einflussfaktor auf Nahtqualität
- Nullspalte → Ungenügender Wurzeleinbrand
- große Spalte → Durchbrand und Decklagenunterwölbung
- definierte Spaltbereiche ermöglichen Prozessstabilität
Beispielsweise konnten für den Demonstrator klare Toleranzbereiche definiert werden:
- Stumpfstoß PA: 1,0–1,2 mm
- Eckstoß PB: 0,0–0,3 mm
- Eckstoß PG: 0,0–0,6 mm
2. Bedeutung der Nahtvorbereitung
Zunächst wurden die Bauteile mit der Standard-Nahtvorbereitung der manuellen Fertigung geschweißt. Dies führte zu Unregelmäßigkeiten und höherer Nacharbeit. Anschließend wurde die Nahtvorbereitung auf definierte Spaltmaße angepasst, wodurch deutlich bessere Ergebnisse erzielt werden konnten:
- reduzierte Unregelmäßigkeiten und weniger Nacharbeit
- minimal höherer Vorbereitungsaufwand mit hohem Nutzen
3. Teaching und Bedienbarkeit
- Intuitive Teachingmöglichkeiten ermöglichen Einsatz ohne Robotikexperten
- Brennerwinkel können durch erfahrene Schweißer mit ±10° Genauigkeit eingestellt werden
- reduzierte Teachzeit = Schlüssel für Wirtschaftlichkeit
Zunächst wurden die Brennerwinkel beim Teachen mit einem Winkelmesser eingestellt. Dadurch ergaben sich Teachzeiten von ca. 220 min. Durch Einsatz eines Dreh-Kipp-Tisches und „praxisnahes Teachen mit Augenmaß“ konnte die Teachzeit auf 90 min reduziert werden.
4. Produktivitätseffekte
Am Demonstratorbauteil wurde eine Wirtschaftlichkeitsbetrachtung durchgeführt, bei der die manuelle Schweißzeit im WIG-Prozess (33 min) mit der automatisierten Prozesszeit im MAG-Verfahren verglichen wurde. Die automatisierte Fertigung umfasst eine Teachzeit von 90 min sowie eine Schweißzeit von 13 min. Unter Vernachlässigung der Investitionskosten ergibt sich eine kritische Stückzahl bereits ab fünf Bauteilen.
Fazit
Das Praxisprojekt 3 zeigt, dass der Einsatz von Robotern in der Fertigung nicht nur großen Industriebetrieben vorbehalten ist. Durch intuitive Bedienkonzepte und praxisnahe Entwicklung wird Automatisierung auch für KMU zugänglich.
Damit leistet PAL einen wichtigen Beitrag zur Gestaltung einer zukunftsfähigen, wettbewerbsfähigen und menschengerechten Arbeitswelt in der Lausitz.
Projektlaufzeit: 01.11.2021 - 31.10.2026
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