PerspektiveArbeit Lausitz (PAL): Praxisnahe Lösungen für die Arbeitswelt der Zukunft

a) Living Lab Automated Welding for Small Batch Series, b) Grobjustierung mittels Free-Drive und c) Feinjustierung über Pfeiltasten am Bedienpanel
a) Living Lab Automated Welding for Small Batch Series, b) Grobjustierung mittels Free-Drive und c) Feinjustierung über Pfeiltasten am Bedienpanel

Teilprojekt Systeme zur intuitiven Nutzung von Robotern in der Fertigung

Das Projekt PerspektiveArbeit Lausitz (PAL) ist ein Kompetenzzentrum für die Arbeit der Zukunft in Sachsen und Brandenburg. Ziel ist es, innovative Technologien und datenbasierte Assistenzsysteme so zu gestalten, dass sie menschengerecht, wirtschaftlich und praxisnah in Unternehmen eingesetzt werden können. Im Fokus stehen insbesondere kleine und mittlere Unternehmen (KMU), die vor Herausforderungen wie Fachkräftemangel, steigenden Qualitätsanforderungen und wachsender Komplexität in der Produktion stehen.

Ein zentraler Ansatz von PAL ist die enge Verzahnung von Forschung und Praxis. Gemeinsam mit Unternehmen werden Lösungen entwickelt, erprobt und anschließend über Demonstrationszentren, Workshops und Leitfäden für andere Unternehmen zugänglich gemacht.

Schwerpunktprojekt 3: Systeme zur intuitiven Nutzung von Robotern in der Fertigung

Ein wichtiger Baustein von PAL ist das Schwerpunktprojekt 3, das sich Fragestellungen zur einfachen und intuitiven Nutzung von  Robotertechnologien in der Fertigung beschäftigt.

Ausgangssituation und Zielstellung

Viele Unternehmen, insbesondere im Mittelstand, stehen vor der Herausforderung, dass Automatisierung oft als komplex, teuer und schwer umsetzbar wahrgenommen wird. Gleichzeitig führen manuelle Tätigkeiten wie Schweißen oder Entgraten häufig zu hoher Belastung und schwankender Qualität.

Das Schwerpunktprojekt 3 setzt genau hier an und verfolgt das Ziel,

  • intuitive Bedienkonzepte für Roboter zu entwickeln,
  • Einstiegshürden zu senken und
  • menschzentrierte Automatisierungslösungen für die Fertigung zu schaffen.

Lösungsansatz: Intuitive Robotik

Im Projekt werden insbesondere kollaborierende Roboter (Cobots) eingesetzt, die sich durch ihre einfache Bedienbarkeit und Flexibilität auszeichnen. Statt komplexer Programmierung steht das „Learning by Doing“ im Vordergrund: Produktionsmitarbeitende können Roboter direkt durch Teach‑Verfahren einlernen und Programme anpassen (s. Abb. 1).

Die Untersuchung erfolgt anhand realer Fertigungsprozesse – insbesondere

  • automatisiertes Schweißen von Kleinserien und
  • robotergestütztes Entgraten.
Berufsbilder: Handschweißer (Links), Einrichter (Mitte) und Bediener (Rechts)
Berufsbilder: Handschweißer (Links), Einrichter (Mitte) und Bediener (Rechts)

Ergebnisse und Erkenntnisse

Die im Projekt gewonnenen Ergebnisse zeigen deutlich, dass intuitive Robotik einen hohen Nutzen für Unternehmen bietet:

Produktivität und Qualität

  • Reduzierung der Prozesszeiten bei gleichzeitig stabiler Ausbringung
  • Reproduzierbare und gleichbleibende Qualität, insbesondere durch automatisierte Bewegungsabläufe
  • Verbesserte Prozesssicherheit bei repetitiven Aufgaben

Neue Möglichkeiten

  • Automatisierung wird auch bei kleinen Stückzahlen wirtschaftlich sinnvoll
  • Flexible Anpassung an wechselnde Bauteile

Arbeitswissenschaftliche Perspektive

Ein zentrales Ergebnis ist die Veränderung der Arbeitstätigkeiten:

  • Neue Rollen entstehen, z. B. Einrichter und Bediener (s. Abb. 2)
  • Tätigkeiten verlagern sich von körperlicher Arbeit hin zu steuernden und überwachenden Aufgaben
  • Die körperliche und monotone Belastung sinkt, während kognitive Anforderungen steigen

Dabei zeigt sich klar:
Roboter ersetzen den Menschen nicht, sondern unterstützen ihn gezielt.

Demonstratorbauteil, b) Aufspannung außen und b) Aufspannung innen
a) Demonstratorbauteil, b) Aufspannung außen und b) Aufspannung innen

Transfer in die Praxis

Die Ergebnisse des Praxisprojekts werden aktiv in die Breite getragen, z. B. durch:

  • Living Labs als Demonstrationszentren
  • praxisorientierte Leitfäden
  • Workshops und Veranstaltungen direkt bei Unternehmen

Diese Formate ermöglichen es Unternehmen, Technologien niedrigschwellig kennenzulernen, Vorbehalte abzubauen und fundierte Entscheidungen für eigene Transformationsprozesse zu treffen.

Vorgehen zur Überführung manueller Schweißprozesse

Zusammen mit dem Projektpartner Caleg Schrank- und Gehäusebau GmbH wurde ein Demonstratorbauteil aus DC01 (2 mm Blechdicke) entwickelt und gefertigt (s. Abb. 3a). Dieses Bauteil enthält sowohl gerade als auch gewölbte Konturen und die Abmessungen betragen 467 x 458 x 199 mm. 

Vorgehensweise zur Erarbeitung einer automatisierten Schweißlösung
Vorgehensweise zur Erarbeitung einer automatisierten Schweißlösung

Es  wurde eine Vorgehensweise zur Automatisierung dieser Schweißbaugruppe erarbeitet (s. Abb. 4). Zunächst wird die Ist-Situation am Bauteil analysiert und Toleranzen aufgenommen. Danach wird das Bauteil auf eine automationsgerechte Konstruktion überprüft und eine geeignete Einspannvorrichtung gefertigt (s. Abb. 3b und 3c). Die Einspannvorrichtung basiert auf dem Prinzip der „festen Ecke“ und setzt sich aus verschiedenen Spann- und Anschlagelementen zusammen. In Vorversuchen werden die optimalen Schweißparameter erarbeitet. Zum Schluss werden die Bauteile automatisiert geschweißt, die Schweißnähte mittels zerstörungsfreier und zerstörender Prüfverfahren ausgewertet sowie eine Wirtschaftlichkeitsbetrachtung durchfegührt.

Praxisrelevante Erkenntnisse am Demonstratorbauteil

1. Einfluss von Bauteiltoleranzen und Spaltmaßen

Beispielsweise konnten für den Demonstrator klare Toleranzbereiche definiert werden:

2. Bedeutung der Nahtvorbereitung

Zunächst wurden die Bauteile mit der Standard-Nahtvorbereitung der manuellen Fertigung geschweißt. Dies führte zu Unregelmäßigkeiten und höherer Nacharbeit. Anschließend wurde die Nahtvorbereitung auf definierte Spaltmaße angepasst, wodurch deutlich bessere Ergebnisse erzielt werden konnten:

3. Teaching und Bedienbarkeit

Zunächst wurden die Brennerwinkel beim Teachen mit einem Winkelmesser eingestellt. Dadurch ergaben sich Teachzeiten von ca. 220 min. Durch Einsatz eines Dreh-Kipp-Tisches und „praxisnahes Teachen mit Augenmaß“ konnte die Teachzeit auf 90 min reduziert werden.

4. Produktivitätseffekte

Am Demonstratorbauteil wurde eine Wirtschaftlichkeitsbetrachtung durchgeführt, bei der die manuelle Schweißzeit im WIG-Prozess (33 min) mit der automatisierten Prozesszeit im MAG-Verfahren verglichen wurde. Die automatisierte Fertigung umfasst eine Teachzeit von 90 min sowie eine Schweißzeit von 13 min. Unter Vernachlässigung der Investitionskosten ergibt sich eine kritische Stückzahl bereits ab fünf Bauteilen.

Fazit

Das Praxisprojekt 3 zeigt, dass der Einsatz von Robotern in der Fertigung nicht nur großen Industriebetrieben vorbehalten ist. Durch intuitive Bedienkonzepte und praxisnahe Entwicklung wird Automatisierung auch für KMU zugänglich.

Damit leistet PAL einen wichtigen Beitrag zur Gestaltung einer zukunftsfähigen, wettbewerbsfähigen und menschengerechten Arbeitswelt in der Lausitz.

Projektlaufzeit: 01.11.2021 - 31.10.2026

Ansprechpersonen

Prof. Dr.-Ing. Julia Zähr
Prof. Dr.-Ing. Julia Zähr
Fakultät Ingenieurwissenschaften
Dipl.-Ing. Christian Schmidt
Dipl.-Ing. Christian Schmidt
Fakultät Ingenieurwissenschaften