Dialog Kontrovers „Zwischenwelten“ endet mit zwei spannenden Ausgaben

Dialog Kontrovers „Zwischenwelten“ endet mit zwei spannenden Ausgaben

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Aufzeichnungen der Veranstaltungen sind online.

In einem großen Raum fällt der Blick über die Köpfe der Zuschauer:innen hinweg auf das mit vier Pesonen bestzte Podium unter an Traversen hängenden Scheinwerferen. Auf der Leinwand hinter ihnen ist das "Dialog Kontrovers"-Motiv und das Thema "Das ewige hybride Leben" projiziert.

Die diesjährige Reihe „Dialog Kontrovers“ an der Hochschule Mittweida (HSMW) schloss mit zwei Veranstaltungen am 2. und 9. Juni.

Sehnsucht nach Unsterblichkeit

Mit der Frage nach dem ewigen, hybriden Leben zwischen Technologie, Religion und Gesellschaft hat der sechste Abend des „Dialog Kontrovers“ am 2. Juni ein Thema aufgegriffen, das zu den großen Menschheitsfragen gehört. Ausgangspunkt war die alte Sehnsucht, menschliche Grenzen zu überwinden und den Tod vielleicht eines Tages technisch auszuhebeln. Zugleich wurde deutlich: Die aktuelle Debatte um Longevity, Kryonik und Transhumanismus ist längst nicht mehr nur Zukunftsvision, sondern wird von Tech-Eliten, Biotechnologie und KI-Diskursen mit neuer Wucht vorangetrieben. Professor Gunter Süß moderierte die mit unterschiedlichen fachlichen Perspektiven besetzte Runde: Theologin Pfarrerin Nina Maria Mixtacki, Politikwissenschaftler Christopher Coenen und Röbbe Wünschiers, Professor für Biochemie und Molekularbiologie an der HSMW.

Coenen erläuterte Transhumanismus als lange Ideentradition, die den „Primatenkörper“ überwinden und menschliche Existenz technisch verlängern will. Mixtacki hielt dem eine theologische Sicht entgegen, nach der der Mensch zwar begrenzt, aber nicht defizitär sei; Sterblichkeit gehöre zum Leben und eröffne erst den Raum für Sinn, Beziehung und Würde. Wünschiers machte deutlich, dass Biotechnologie zwar reale Möglichkeiten zur Lebensverlängerung biete, etwa über Anti-Aging, Gentherapie oder medizinische Interventionen, ein unendliches Leben biologisch jedoch hochgradig unwahrscheinlich erscheine.

Besonders kritisch gerieten die aktuellen Debatten um sogenannte Tech-Bros und ihre Visionen eines technisch perfektionierten Menschen in den Blick. Hier wurde vor einer Vermischung von Fortschrittsglauben, elitärer Selbstüberschätzung und fragwürdigen Menschenbildern gewarnt. Auch ökologische und gesellschaftliche Folgen spielten eine Rolle: Ein deutlich längeres Leben für viele Menschen wirft Fragen nach Ressourcenverbrauch, sozialer Gerechtigkeit und der Belastbarkeit bestehender Systeme auf.

Am Ende stand kein Konsens, wohl aber ein gemeinsamer Befund: Die Sehnsucht nach Unsterblichkeit sagt viel über das Selbstbild unserer Gegenwart aus. Während die einen den Tod als Grenze und Sinnbedingung des Menschseins verteidigen, sehen andere im Weitergeben von Wissen, in Kindern, Taten und Erinnerung eine andere, realistischere Form von Unsterblichkeit.

KI und Kreativität

Die letzte Ausgabe des „Dialog Kontrovers 2026“ am 9. Juni widmete sich der Frage: „Kreativ und intelligent – oder nur gut trainiert?“ Podium und Publikum wurden durch die International Week an der HSMW bereichert. Eine KI-gestützte deutsche Live-Untertitelung erleichterte allen Besucher:innen die Teilnahme an der englischsprachigen Diskussion.

Auf dem Podium begrüßte Dr. Stefanie Kremmel von der HSMW die bildende Künstlerin Nadja Verena Marcin, den Komponisten und Publizisten Matthias Hornschuh sowie die Sozialwissenschaftlerin Sarah Bowman. Über die Frage, was Kreativität überhaupt ausmache, entfaltete sich eine Diskussion um die gesellschaftlichen Auswirkungen generativer KI: Entwertung von Wissensarbeit, Wertschöpfungsverluste sowie die Gefahr eines „race to the middle“, also einer Gewöhnung an durchschnittliche und standardisierte Inhalte.

Darüber hinaus richtete sich der Blick auf die globalen Zusammenhänge hinter den scheinbar immateriellen Anwendungen. Arbeitsbedingungen von Clickworkern, Ressourcenverbrauch und Machtmissbrauch marktbeherrschender Unternehmen sind nur einige der sonst unsichtbaren Aspekte, über die gesprochen wurde. Die Gäste waren sich einig, dass eine verantwortungsvolle und ethisch vertretbare Zukunft generativer KI nur durch politische Regulierung und gesellschaftliche Anstrengung möglich ist.

Wie sich Kunst und politischer Anspruch zu einem kritischen Umgang mit generativer KI verbinden lassen, zeigte Nadja Verena Marcin anhand ihres feministischen Audio-Bots „SophyGray“. Darüber hinaus wurden weitere subversive Strategien wie bewusster Verzicht, Aneignung oder Boykott als Formen des künstlerischen und gesellschaftlichen Widerstands diskutiert.

Der Abend war trotz aller Kritik von Zuversicht geprägt. Die Diskussion machte deutlich, wie wichtig es ist, Kreativität gezielt zu fördern und Menschen Zeit zum Lernen, Experimentieren und Ausprobieren zu geben – denn nur so können neue Ideen und Innovationen entstehen.

Dialog Kontrovers in der Nachschau

„Der diesjährige Dialog Kontrovers brachte Studierende, Kolleg:innen der Hochschule und Bürger:innen zu einem spannenden und wichtigen Themenkomplex zusammen“, resümiert Professor Gunter Süß, der Studiendirektor des Instituts für Kompetenz, Kommunikation und Sprachen (IKKS) an der HSMW, das die Reihe organisiert hat, „Ausgewiesene Expert:innen warfen aus unterschiedlichen Perspektiven Blicke auf die Welten zwischen physischer und digitaler Realität – und uns selbst darin. Sie beleuchteten verständlich und anschaulich das Spektrum von der Zukunft des Konflikts, über Lösungen zum Klimawandel, urbanes Leben, den Einsatz von KI für eine gesünderes oder gar unsterbliches Leben bis hin zu ihrem Einfluss auf Kreativität und Kultur.“

Wer die Dialoge verpasst hat oder noch einmal erleben will, kann sie auf dem Youtube-Kanal der Hochschule Mittweida nachschauen. Die ersten Videos sind bereits online. Die Links und Zusatzmaterial finden sich auf den Infoseiten zu den jeweiligen Veranstaltungen.

Im Sommersemester 2027 wird es wieder die Veranstaltungsreihe „Öffentliche Ringvorlesung“ zu einem aktuellen Thema geben, das die Gesellschaft bewegt.

Text: Professor Gunter Süß/Helmut Hammer
Fotos: Helmut Hammer